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Der kleine Ort Fröttstädt in Thüringen ist in den letzten Jahren bei Ultraläufern immer bekannter und beliebter geworden, denn bereits zum 5. Mal wurde hier in diesem Jahr Anfang Juli der Thüringen Ultra ausgetragen. Anlässlich dieses kleinen Jubiläums wurde zusätzlich zu der 100 Km Strecke ein Lauf über 100 Meilen (161 Km) mit ca. 3050 Hm angeboten. Vor zwei Jahren bin ich die 100 Km gelaufen, in diesem Jahr hatte ich mich für die 100 Meilen angemeldet. Es sollte mein erster Lauf über diese Distanz werden. Die Startzeit am Freitagnachmittag zwischen 16 Uhr und 22 Uhr (zu jeder vollen Stunde) konnte jeder 100 Meilen Läufer selbst bestimmen. Bedingung war allerdings, dass jeder Läufer den Verpflegungspunkt bei Kilometer 71 zwischen 4 Uhr und 6 Uhr morgens erreichen musste, denn hier traf die 100 Meilen Strecke auf die Strecke der 100 Km Läufer, die dann bis zum Ziel identisch waren. Ich entschloss mich für eine Startzeit um 19 Uhr und freute mich, dass Olaf Dittmann aus Melle und Christian Schikowsky von den Dortmundern Endorphinjunkies gemeinsam mit mir an den Startgingen. Nachdem ich mich von meiner Lebensgefährtin Birgit, die ihre Tochter im benachbarten Ilmenau besuchen wollte, verabschiedet hatte, ertönte um 19 Uhr der Startschuss für unsere Gruppe, ca. 25 Läuferinnen und Läufer. Das Feld zog sich schon bald auseinander, Olaf, Christian und ich machten uns aber zusammen auf die lange Reise durch die Nacht. Schon nach wenigen Kilometern bekamen wir die Auswirkungen der starken Regenfälle, die es hier in den letzten Tagen gegeben hatte, zu spüren. Der Untergrund war dermaßen lehmig und matschig, dass unsere Schuhe jeweils gefühlte 5 Kilo schwerer waren. Auch die Fahrradbegleitungen von Olaf und Christian (Michaela und Klaus) bekamen das sehr stark zu spüren, denn ihre Räder drehten sich kaum noch, alles war voller Matsch und Lehm.
In der Ferne zogen dunkle Wolken auf, aber wir blieben in dieser Nacht, entgegen der Wetterprognosen, von Regen verschont. So trabten wir zu dritt der anbrechenden Dunkelheit entgegen, immer wieder über rutschigen
oder z.T. sehr steinigen, unebenen Untergrund. Gegen 22 Uhr mussten wir dann die Stirnlampen aus unseren Rucksäcken nehmen, denn es wurde zunehmend dunkler und die mit reflektierenden Flatterbändern markierte Laufstrecke war nur im Schein der Stirnlampe gut zu sehen. Die in der Ferne hell erleuchtete Wartburg war ein Höhepunkt, der uns in die Nacht begleitete. Über einen schmalen Single Trail gelangten wir nach einiger Zeit auf einen Forstweg, der uns auf den Hörselberg führte. Diesen Teil der Strecke mussten die Fahrradbegleiter umfahren. Der Aufstieg auf den Hörselberg hatte es in sich. Er schien nicht enden zu wollen und stieg sehr steil an.Kurzzeitig fühlte ich mich an meinen Trans Alpine Run erinnert. Oben angekommen pfiff uns kalter Wind entgegen, aber wir genossen die ersehnte Verpflegungsstation. " Jetzt geht es zunächst einmal nur abwärts, das letzte Stück allerdings ganz steil," prophezeite man uns an dieser Verpflegungsstation. Über einen schmalen Weg mit vielen Steinen und Baumwurzeln führte die Strecke dann abwärts, stieg aber zwischendurch immer wieder kurz an. Der Blick auf die hell erleuchteten Häuser im Tal ließ erahnen, wie schön dieser Teil der Strecke bei Tageslicht sein musste. In der Dunkelheit erforderte die schwierige Wegstrecke aber höchste Konzentration. Das bereits angekündigte Steilstück dieses Streckenteiles verlangte uns dann alles ab. Die Strecke führte ganz steil bergab, übersät mit unzähligen Baumwurzeln und Steinen, die äußerst glatt und rutschig waren. Und das in stockfinstererNacht! Manche Läufer nahmen dieses Stück auf allen Vieren im Rückwärtsgang. Wir überstanden auch diesen Teil der Strecke gut und freuten uns, als es allmählich wieder hell wurde.
Gegen 4.40 Uhr erreichten wir den ersehnten Verpflegungspunkt bei Km 71. Hier kamen bereits die ersten 100 Km Läufer, die um 4 Uhr gestartet waren und ihre ersten 10 Kilometer hinter sich hatten, um die Ecke.
Immer wieder erhielten wir Aufmunterung und Anerkennung von ihnen, hatten wir doch die ganze Nacht und 71 Km hinter uns.
Nach dem Verpflegungspunkt führte die Strecke in den Wald und stieg so stark an, dass auch die noch "frischen" 100Km Läufer z.T. gehen mussten, zumal der Untergrund hier sehr matschig war.Kurz danach überholte uns dann eine bekannte Läuferin aus Osnabrück, Sylvia Frühauf, die ihren ersten 100Km Lauf absolvierte unter guter Dinge war. Am Versorgungspunkt bei Km 85 verloren Olaf, Christian und ich uns dann aus den Augen und ich machte mich allein auf den Rest der Strecke. Immer wieder wechselten sich Anstiege und Abstiege ab, der Untergrund war überwiegend steinig und uneben.Am Nachmittag setzte dann leichter Regen ein, der später
noch stärker wurde. Der Verpflegungspunkt bei Km 140 steigerte meine Stimmung enorm,denn erstens war jetzt "nur" noch ein Halbmarathon zu laufen und zweitens gab es hier Brot mit Thüringer Leberwurst und heißen Kaffee. Ich gönnte mir die Zeit, ließ mir beides schmecken und begab mich dann auf die letzten 21 Kilometer, die ich in einem recht zügigen Tempo laufen konnte. Dabei überholte mich Michaela Junker, Olafs Radbegleiterin, die mir mitteilte,
dass Olaf leider nach 125 Kilometern aussteigen musste. Aber sein Lauf gilt als gefinishter 100 Km Lauf und das ist beim Thüringen Ultra immer etwas Besonderes. 
An der letzten Verpflegungsstation , ca. 5Km vor dem Ziel, dröhnte mir laute Musik entgegen und einige farbenfrohe Cheerleader empfingen mich stimmungsvoll. Ich genoss es, zumal ich in diesem Augenblick der einzige Läufer hier war. Hoch motiviert und mit vielen Glücksgefühlen lief ich dann dem Ziel entgegen und die letzten Kilometer, die z.T. durch ein etwas eintöniges Industriegebiet führten, vergingen wie im Flug. Glücklich erreichte ich dann das Ziel - wo mich Birgit und ihre Tochter erwarteten - nach 25:03,06 Stunden. Erstaunt war ich dann, als ich zur Siegerehrung der AK M55 aufgerufen wurde, denn ich hatte in meiner AK Platz 3 belegt.
Der 100 Meilen Lauf in Thüringen war insgesamt ein ganz tolles Erlebnis, ein sehr schöner (und gut organisierter) aber auch sehr schwerer Lauf, weil neben der Länge und den Höhenmetern noch die Dunkelheit und der äußerst schwierige Untergrund hinzukamen.
Günter Liegmann |